Was hat Rüsselsheim mit einem Rüssel zu tun?  - Zur Neugestaltung der Frühmittelalter-Abteilung des Stadt- und Industriemuseums Rüsselsheim (Teil 1)

Woher kommt der Name Rüsselsheim? (Foto: FeeLoona via Pixabay.de, Lizenz: CC0 Public Domain)
Woher kommt der Name Rüsselsheim? (Foto: FeeLoona via Pixabay.de, Lizenz: CC0 Public Domain)

Kurz gesagt: Nix! Der Ortsname hat rein gar nichts mit den prägnanten Nasenorganen von Dickhäutern zu tun und für alle Scherzkekse und Freunde des schlüpfrigen Humors sei außerdem noch bemerkt: Rüsselsheim ist auch keine Umschreibung einer Herrenunterhose. Damit hätten wir das auch geklärt.

 

Woher kommt der Name also? Er leitet sich von "Rucile(n)sheim" ab, was soviel bedeutet wie Heim/Siedlung eines (gewissen Herrn) Rucilin. Bei diesem dürfte es sich wohl um den Ortsgründer handeln. Die älteste Erwähnung von Rucile(n)sheim findet man im sogenannten "Lorscher Urbar" aus der Zeit zwischen 834 und 850. Das ist eine Auflistung von Abgaben und Diensten, die Bauern für den König leisten mussten. Die Endung "-heim" bei Ortsnamen, die besonders in der Rhein-Main-Region häufig auftritt, verweist darauf, dass die Ursprünge der kleinen Stadt am Unterlauf des Mains in der Zeit der Frankenherrschaft (Ende 5. Jahrhundert bis ins 8. Jahrhundert) liegen.

Mehr über die Geschichte von Rüsselsheim kann man im Stadt- und Industriemuseum erfahren. Seit 2010 wird die gesamte Dauerausstellung von Grund auf neu konzipiert. Das war nötig geworden: Die alte Präsentation war nach ca. 30 Jahren Bestandszeit etwas in die Jahre gekommen. Im Schwerpunkt wird die Stadtgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart erzählt. Diesem Zeitabschnitt sind alleine zwei Abteilungen gewidmet, die bereits zwischen 2010 und 2013 neu gestaltet und wiedereröffnet worden waren. 2014 begann dann die Überarbeitung der dritten Abteilung, die der Ortsgeschichte von fränkischer Zeit bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts gewidmet ist (Titel: Ortszeit. Rüsselsheim seit dem Mittelalter.). Ich war mit der Neugestaltung des Abschnitts zum Frühen Mittelalter beauftragt. Das bedeutet konkret: Archivbestand des frühen Mittelalters sichten, über den thematischen Rahmen nachdenken (was will man damit erzählen?), Objekte auswählen, Gedanken machen über die Art der Präsentation, Ausstellungstexte schreiben (bitte nicht länger als 1000 Zeichen pro Text) und zu Guterletzt noch einen Beitrag für den Katalog verfassen. 

Nun steht Rüsselsheim nicht gerade im Ruf ein Hotspot der Archäologie zu sein. Auch wenn man in die historisch helle(re) Zeit schaut: Es handelt sich um einen kleinen Ort, der mit seiner Lage zwischen den Zentren Mainz und Frankfurt erst mit der Ansiedlung der Opel-Werke im 19. Jahrhundert zu einer gewissen Bedeutung gelangte. Große Geschichte wurde hier nicht geschrieben. Das muss man einfach so sagen, auch wenn ich mir jetzt den Zorn sämtlicher Rüsselsheimer Lokalpatrioten zugezogen habe. Das Stadt- und Industriemuseum ist ein schönes Beispiel dafür, wie man auch an einem kleinen, relativ unbedeutenden Ort Geschichte und Geschichten erzählen kann. Auch hier haben Menschen gelebt und mussten ihr Leben unter den jeweiligen Bedingungen ihrer Zeit meistern. Das sind Dinge, die soll und muss man erzählen. Ein Leitfaden der gesamten neuen Dauerausstellung ist es, die Auswirkungen der großen Leitlinien der Geschichte in der "kleinen" Geschichte vor Ort sichtbar zu machen. Ein weiterer Roter Faden ist es, passend zum Industriestandort Rüsselsheim,  den arbeitenden Menschen im Laufe der Geschichte in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen.

Ich stand also vor der Aufgabe mit Hilfe der archäologischen Objekte aus der Sammlung etwas über die Anfänge von Rucile(n)sheim/Rüsselsheim zu erzählen. Die Siedlungen des frühen Mittelalters sind in den meisten Fällen für Archäologen nur indirekt über die zugehörigen Friedhöfe greifbar. So ist das auch in Rüsselsheim: Im Innenstadtbereich sind an zwei Stellen Gräber des 6./7. Jahrhunderts aufgefunden worden. Im Stadtteil Bauschheim gibt es noch eine Fundstelle, im Stadtteil Haßloch zwei weitere Gräberfelder der fränkischen Zeit. Die Grabinventare spiegeln einen vergleichsweise einfachen Lebensstandard. 

Da kann man es sich mit der Ausstellungskonzeption natürlich leicht machen und auf ausgetretenen Pfaden wandeln. Heißt: Ich lege ein paar Grabfunde (möglichst ein Frauen- und ein Männergrab) in die Vitrine und sage dann noch was zu den archäologisch nicht fassbaren Siedlungsresten. Prädikat: Langweilig! Spannender wird die Sache, wenn man den Blick weitet und die Befundlage aus der Umgebung, also dem nördlichen Hessischen Ried mit in den Blick nimmt. Da stellt man fest, dass die Orte in der Nachbarschaft, die näher am Rheinufer liegen (Bischofsheim, Trebur, Trebur-Astheim etc.) deutlich reicher ausgestattete Grabinventare aufweisen. Dort war eine gesellschaftlich höher gestellte Einwohnerschaft als die von Rüsselsheim ansässig. Man könnte mehrere Beispiele auflisten, z. B. das Grab des "Asti" von Trebur-Astheim aus dem frühen 8. Jahrhundert n. Chr. Es handelt sich um einen hochrangigen Mann, der mit einem prunkvollen Schwert bei einer spätrömischen Rheinuferfestung beigesetzt worden war. Im Rüsselsheimer Museum wird beispielhaft das Grab des sogenannten Goldschmiedes von Wallerstädten präsentiert. Das Museum von Groß Gerau bewahrte diesen Fundkomplex auf und stellte ihn als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Das Grab war als Nachbestattung in einen prähistorischen Grabhügel bei Wallerstätten (Ortsteil von Groß Gerau) eingebracht worden. Das passierte in der Zeit der Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde der Hügel ausgegraben. Es handelt sich um eine hölzerne Kammer, die neben dem Skelett eine Reihe von Grabbeigaben wie Waffen, eine Pferdetrense, Alltagsgegenstände wie Gefäße aus Ton, Bronze oder Glas, Speisen sowie Kleidung (Gürtelschnalle). Im Mund fand sich eine Goldmünze, ein sogenannter Charonspfennig. Mit diesem sollte der Verstorbene nach den damaligen Jenseitsvorstellungen den Fährmann "Charon" bezahlen, der ihn mit seinem Boot in das Totenreich auf dem anderen Ufer des Flusses bringen sollte. Auf der Brust des Toten lag ein Lederbeutel, der besondere, nicht häufig in Gräbern anzutreffende Gegenstände enthielt: Eine Feinwaage mit Gewichtsstein, einen Gußtiegel, einen Probierstein (damit konnte man die Qualität einer Goldlegierung testen), sowie einen Stichel. Diese Objekte gaben Anlass in dem Bestatteten einen Goldschmied zu sehen. Mit dieser Deutung passt der Grabkomplex natürlich hervorragend in die narrative Leitlinie des Museums, nämlich die Repräsentation des arbeitenden Menschen. Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass es auch andere Stimmen gibt, die in dem Wallerstätter Toten einen Geldwechsler sehen. Wie dem auch sei: Es handelt sich um eines der prominentesten Gräber des Frühen Mittelalters im Rhein-Main-Gebiet, das auf jeden Fall eine museale Präsentation verdient. Unter dem Titel "Ungleiche Nachbarn" steht der sog. Goldschmied in Kontrast zu dem Grab einer Rüsselsheimer Frau, deren Beigaben deutlich bescheidener ausfielen. Die beiden Personen mit ihren Grabbeigaben erzählen also exemplarisch etwas über die Sozialstruktur der Frankenzeit im nördlichen Hessischen Ried.

Daneben wird übrigens noch ein besonderer Fund aus einem anderen Rüsselheimer Grab gezeigt, der erst anlässlich der Museumsneugestaltung erst in den Fokus des Interesses gelangte. Aber dazu folgt noch ein weiterer Blogbeitrag.

Ein Besuch des Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim wird ausdrücklich empfohlen, nicht nur wegen der Frankenabteilung. Auch die frühneuzeitliche Festung, in deren spektakulären Räumlichkeiten die Dauerausstellung untergebracht ist, verdient einen Blick. Die Abteilung "Ortszeit. Rüsselsheim seit dem Mittelalter" findet man im Obergeschoss des Südflügels. Nähere Infos hier: www.museum-ruesselsheim.de 

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