Noch Luft nach oben - Archäologische Museen im Social Web

Frühform eines sozialen Netzwerkes ? (Foto: blickpixel via pixabay.de)
Frühform eines sozialen Netzwerkes ? (Foto: blickpixel via pixabay.de)

Am 3. März dieses Jahres veröffentlichte der "Standard" in seinem Online-Angebot einen Artikel über die Social-Media-Nutzung Wiener Museen. Die Bilanz fällt dabei positiv aus. Professionelles Marketing im Internet sei für die Kulturinstitutionen mittlerweile ein unverzichtbares Instrument der Öffentlichkeitsarbeit, das aber nicht "nebenher erledigt" werden könne. Der Erfolg sei darauf zurückzuführen, dass Geld investiert und die Angelegenheit in professionelle Hände gelegt worden sei. Die Zahlen der Facebook-Likes, Twitter-Follower und Instagram-Abonnenten von Häuser wie der Albertina oder des Kunsthistorischen Museums müssen den Vergleich zu den Mengen der realen Besucher nicht scheuen. Auch aus dem angelsächsischen Bereich werden ähnliche Erfolge berichtet.

Klar im Vorteil

Auf der Website "Der Brutkasten", einer "Plattform für Startups und Innovationen" geht der Social Media und Online-Kommunikator Andreas Mittelmeier der Frage nach dem Hintergrund des Erfolges der musealen Präsenz im Social Web nach. Die Häuser, so schreibt er, hätten durch ihre Exponate bereits zahlreiche visuelle Inhalte, die sich gut transportieren lassen. Auch Geschichten über Mitarbeiter, Berichte aus der Arbeit und Blicke hinter die Kulissen liefern reichlich Stoff fürs sog. "Storytelling". Außerdem gäbe es durch Veranstaltungen immer wieder Neues zu berichten. Mit einem Wort: Content ist reichlich vorhanden; so manche Firma in der freien Wirtschaft könnte da neidisch werden.

Social Media - Warum eigentlich ?

Klar: Soziale Medien sind eine gute Werbeplattform. Der Nutzen für die Archäologie geht aber weit darüber hinaus, da sich guten Chancen einer neuen Form der Kommunikation mit der Öffentlichkeit bieten. Bei der Jahrestagung 2015 der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e. V. zum Thema "Schafft sich die Öffentlichkeit eine andere Archäologie ? Analysen einer Machtverschiebung" wurde diskutiert, wie sich die Archäologie im derzeitigen gesellschaftlichen Wandel verhalten sollte, um weiterhin im öffentlichen Bewusstsein eine Rolle zu spielen. Die Ergebnisse wurden in den "Tübinger Thesen zur Archäologie" zusammengefasst. These 5 thematisiert die Nutzung sozialer Netzwerke. Dort heißt es: "Kommunikation in den Sozialen Medien verbessert die öffentliche Diskussion von Archäologie. Die Entwicklung der Sozialen Medien, d. h. von Blogs und von Plattformen wie YouTube, Wikipedia, Twitter oder Facebook, ist nur vordergründig ein Technologiewandel, tatsächlich steht ein tiefgreifender Wandel der Kommunikation dahinter – hin zur gleichberechtigten Debatte bei potenziell hoher Reichweite in kürzesten Zeiträumen. Zahlreiche Nicht-Archäologen haben sich in den Sozialen Medien enorme Reichweiten aufgebaut, ihre Deutungen von Archäologie haben Einfluss auf viele Menschen. Archäologie, die sich der Präsenz auf solchen Plattformen verweigert, verzichtet freiwillig darauf, eine Rolle in öffentlichen Debatten über Archäologie zu spielen. Die professionelle Archäologie darf in solchen Debatten nicht fehlen." 

Status quo

Vor diesem Hintergrund drängte sich mir die Frage auf, inwieweit das Social Web von archäologischen Museen mittlerweile tatsächlich genutzt wird. Dabei war ein Spreadsheet mit einer angefangenen Auflistung hilfreich, das von Kristin Oswald vor einiger Zeit in "Google Docs" zusammengestellt worden war. Ich habe die Tabelle vervollständigt, um einen Überblick über den Stand der Dinge zu erhalten:

Inzwischen verfügen alle Häuser über einen Internetauftritt. Grundlegende Informationen wie Kontaktdaten, Öffnungszeiten und Eintrittspreise sind also in jedem Fall online zugänglich. Zumeist handelt es sich um eigene Websites oder das Museum wird auf städtischen Websites gelistet. Das trifft vor allem auf kleinere Häuser zu. Die Nutzung der jeweiligen digitalen Möglichkeit fällt dann aber sehr unterschiedlich aus. Facebook wird vergleichsweise häufig genutzt. Twitter steht auf Platz Zwei, ist aber im Ganzen noch nicht sehr verbreitet. Die Nutzung von Google+ spielt gar keine Rolle, was aber viel mehr mit der vergleichsweisen schwachen allgemeinen Nutzung  der Plattform zusammenhängt. Angesichts der oben erwähnten Fülle von visuellem Content, erstaunt es, dass Bild- und Video-Portale wie Instagram, Flickr oder YouTube relativ selten eine Rolle spielen werden. Museale Blogs, Apps und Podcasts sind ebenso selten.  

Zugegeben: Diese Auflistung ist zunächst einmal sehr oberflächlich. Die reine Existenz eines Social-Media-Kanals und sonstiger digitaler Plattformen sagt noch nichts über die Qualität der Nutzung. Eine abschließende Bewertung der einzelnen Auftritte kann und möchte dieser Beitrag gar nicht leisten. Außerdem möchte ich mit dieser Liste nicht aussagen, dass jedes Museum jeden Kanal bespielen muss. Das können viele Häuser, vor allem kleine Museen aus personellen und finanziellen Gründen gar nicht leisten. Und: Masse ist nicht gleich Klasse! Es geht mir viel mehr darum,  Denkanstöße zu sinnvoller und effektiver Nutzung der digitalen Kanäle zu geben. 

Schwierigkeiten

Die Liste zeigt, dass noch viel Luft nach oben ist. Trotz der oben erwähnten Erfolge scheint es noch erhebliche Vorbehalte und Schwierigkeiten zu geben. Worin bestehen diese? Die Kulturbloggerin Tanja Praske hat bereits vor einiger Zeit, die "14 Gründe warum Museen kein social media brauchen" zusammengestellt und kritisch-ironisch kommentiert. Dem Blogpost schloss sich eine lange, lebhafte und lesenswerte Diskussion an, die die Probleme und Vorbehalte, das Für und Wider ausführlich beleuchtet.

In einem Vortrag bei der o. g. DGUF-Jahrestagung 2015 ging Kristin Oswald noch spezifischer auf das Thema ein (hier und hier). Es herrsche vielfach Unwissen über die Anwendungsmöglichkeiten dieser Kommunikationsform; der Einsatz erfordert eine professionelle Vorgehensweise. Vorbehalte entstehen auch aus der Angst vor Auseinandersetzungen mit schwierigen Gesprächspartnern und vor dem Verlust von Deutungshoheit. Der sinnvolle Einsatz digitaler Kommunikationskanäle erfordert eine eingehende Beschäftigung mit dem Publikum, denn es gibt nicht eine "Öffentlichkeit", sondern viele verschiedene Gruppen mit jeweils anderen Vorstellungen von und Erwartungen an Archäologie. Die Nutzung sozialer Medien muss vor allem von Archäologenseite als Chance verstanden werden, das Image des Faches positiv mitzugestalten und sich eine Unterstützung und Verständnis innerhalb der Öffentlichkeit aufzubauen.

Nobody's perfect

Es ist möglich, dass das eine oder andere Museum sich selbst oder einen seiner Social-Media-Kanäle in dieser Liste vermisst. Seien Sie nicht nachtragend ... äh ... oder doch: Seien Sie nachtragend und tragen Sie die fehlenden Informationen selbständig nach. Danke.

Literatur: Ch. Haffner, M. Merkel, Der digitale Wandel erreicht die Museen. Archäologie in Deutschland 2/2016, 66-67.

Nachtrag vom 17.05.2016: Die Tabelle wird für die Landesämter, archäologischen Verbände etc. noch vervollständigt. Also nicht über die gähnenden Leere auf der zweiten Seite wundern. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Kristin Oswald (Montag, 16 Mai 2016 20:45)

    Liebe Jutta,
    vielen Dank für die Verlinkungen und dass meine vernachlässigte Tabelle nun doch noch Verwendung gefunden hat. Erstaunlich finde ich auch die beachtlich leere Youtube-Spalte und vor allem das noch beachtlich leerere Tabellenblatt zu Landesämtern, Vereinen etc. Anscheind liegt die Kommunikationshoheit noch immer bei den Museen, was ich schade finden, denn ein Großteil der Forschung findet ja nicht dort statt, ist aber sicher der ein oder anderen Meldung wert.
    Viele Grüße,
    Kristin

  • #2

    Jutta Zerres (Dienstag, 17 Mai 2016 11:09)

    Liebe Kristin,
    dass die Tabelle der Landesämter so leer ist, liegt daran, dass ich mein Augenmerk auf die Museen gerichtet habe. Eventuell komme ich auch noch zu den Landesämtern und Vereinen.
    Viele Grüße,

    Jutta