Eine Gussform als Grabbeigabe - Zur Neugestaltung der Frühmittelalter-Abteilung des Stadt- und Industriemuseums Rüsselsheim (Teil 2)

Zweiteilige Gussform aus dem Fundarchiv des Rüsselsheimer Museums (Foto: H. Fuchs, Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim)
Zweiteilige Gussform aus dem Fundarchiv des Rüsselsheimer Museums (Foto: H. Fuchs, Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim)

Man soll ja bloß nicht glauben, dass Archäologen permanent neue Ausgrabungen durchführen müssen, um den Forschungsstand zu erweitern. Es reicht oft schon völlig aus die Fundarchive von Museen oder der Bodendenkmalpflege zu sichten. Dort ruhen viele Objekte, die häufig kaum bekannt oder gar abschließend wissenschaftlich ausgewertet sind. Zuweilen kann man auf diesem Wege ungeahnte Entdeckungen machen. Auf ein solches Stück stieß ich während meiner Arbeit an der Neukonzeption der Frühmittelalter-Abteilung des Museums Rüsselsheim. 

Im Frühjahr 2014 ging ich ins Museumsarchiv, um mir einen allgemeinen Überblick über den Bestand und den Zustand der Objekte zu verschaffen. Welche Stücke könnte man wohl in der neuen Dauerausstellung präsentieren und was kann man thematisch mit ihnen erzählen? In zahlreichen kleinen und großen Pappschachteln sorgsam verpackt fand ich die Gegenstände, die im 6. und 7. Jahrhundert als Beigaben in Gräber der Einwohner der Siedlungen in und um Rüsselsheim gelegt worden waren: Knickwandtöpfe, Fibeln, Ringe, Gürtelschnallen und -beschläge, Messer, Glasgefäße, Perlen, Spinnwirtel, Kämme, Waffen usw.

Fundumstände

In den schriftlichen Unterlagen im Archiv fand ich dann Kopien von zwei Zeitungsartikeln aus der Lokalpresse vom Oktober 1962. Dort war die Rede von einem Fund aus "byzantinischer Zeit", einer Gussform, die im Stadtteil Hassloch gefunden worden war. Es hatten im Spätsommer des Jahres vor und auf einem Privatgrundstück Kanalbauarbeiten stattgefunden, bei denen zufällig ein Grab mit Skelett angeschnitten worden war. Die Gussform besteht aus zwei kleinen rechteckigen Schieferplatten und hatte den Angaben des Grundstückseigentümers zusammen mit einem Messer auf dem Brustkorb des Toten gelegen. Eine Meldung beim zuständigen Landesdenkmalamt wurde nicht gemacht, sonst wären das Grab und die Funde wohl fachgerecht dokumentiert und zumindest in einem Vorbericht oder einer Fundnotiz der Fachwelt bekannt gemacht worden. Der Grundstückseigner hatte die Gussform und das Messer an sich genommen. Erst Wochen später informierte er einen Hasslocher Heimatforscher und übergab ihm die Objekte. Dieser brachte die Gussform ins Römisch-Germanische Zentralmuseum nach Mainz zur Begutachtung. Dort wurde sie vorläufig als "Byzantinisch" bestimmt. Danach gelangte sie in den Besitz des Heimatvereins Rüsselsheim und kam 1976 in das neu gegründete Stadt- und Industriemuseum.

Ein seltenes Fundstück

Jeder Archäologe/jede Archäologin weiß, dass Gussformen, egal welcher Zeitstellung, sehr selten vorkommen und, dass noch seltener ihre Fundzusammenhänge bekannt sind. Eine Gussform, die einem Toten mit ins Grab gegeben wurde, ist etwas ganz besonderes. Innerhalb Deutschlands ist nur eine einzige Exemplar, das als Grabbeigabe verwendet wurde, bekannt. Es stammt aus einer Bestattung des 7. Jahrhunderts aus Krefeld-Gellep. Angesichts dieser Besonderheit ist es schon erstaunlich, das sich seit 1962 keiner mit dem Stück ausführlich beschäftigt hatte. Mein Interesse war geweckt! Die Gussform könnte zum einen ein spannendes Stück für die neue Dauerausstellung sein, da sie etwas mit der Arbeitswelt zu tun hat. Damit passt sie hervorragend in das Konzept des Stadt- und Industriemuseums, das den arbeiteten Menschen und seinen Alltag in den Mittelpunkt stellt (s. Blog-Beitrag vom 9. März 2016). Zum anderen ist es natürlich für eine/n Wissenschaftler/in von besonderem Reiz, ein solches ungewöhnliches Stück einer wissenschaftlichen Betrachtung zu unterziehen und der Fachwelt zugänglich zu machen.

Museum Rüsselsheim Frühes Mittelalter
Blick in die Frühmittelalter-Abteilung des Stadt- und Industriemuseums Rüsselsheim. In der kleinen Vitrine links unten ist die Gussform ausgestellt (Foto: J. Zerres)

Wozu diente die Gussform?

Die Gussform diente zur Herstellung von Schmuckanhängern aus Metall. In die eine Hälfte waren die Negativformen der Schmuckstücke eingraviert. Es handelt es sich um ein Kreuz, zwei winzige halbmondförmige Anhänger mit zipfligen Enden und einen Anhänger in Form eines Ringes mit Dekor. Zur Herstellung legte man die Platten aufeinander und fixierte sie mit Stiften, die in dafür vorgesehene Löcher an den Ecken gesteckt wurden. Dann stellte man die Form auf und füllte das geschmolzene Gussmaterial ein. Dabei kann es sich nur um Metall mit niedrigem Schmelzpunkt (z. B. Blei oder Zinn) oder Wachs gehandelt haben. Das mag manchen erstaunen. Aber: Forscher haben vor Jahren bereits Experimente mit nachgearbeiteten Gussformen aus Stein gemacht und dabei festgestellt, dass diese beschädigt und unbrauchbar werden, wenn man Metalle mit hohem Schmelzpunkt (Bronze, Gold, Silber) einfüllt. Da man aber selten Schmuckstücke aus Blei oder Zinn findet, dafür aber um so mehr aus anderen Metallen, ist davon auszugehen, dass mit einer steinernen Gussform nur Zwischenprodukte hergestellt wurden. Diese wurden dann in Ton gedrückt, um so die Gussformen für die Endprodukte herzustellen.  Die Zwischenprodukte konnten anschließend wieder eingeschmolzen und wiederverwendet werden.

Welches Material wurde mit der Gussform verarbeitet?

Theoretisch kann man mit Hilfe einer Röntgenfloureszenzanalyse die Frage klären. Diese zerstörungsfreie Untersuchungsmethode wurde am Römisch-Germanischen Zentralmuseum durchgeführt. Jedoch konnten keinerlei anhaftende Metallreste an dem Stück festgestellt werden, so dass wir leider nicht exakt feststellen können, welches Metall im Frühen Mittelalter verarbeitet wurde. 

Datierung

Ist die Gussform tatsächlich frühmittelalterlich oder aus einer anderen Zeitstufe. Da das Stück aus einem Grab stammt, ist schon mal ein Anhaltspunkt gegeben. Die Sitte Verstorbenen Beigaben mit ins Grab zu geben, stammt aus einer heidnischen Tradition, die im Zuge der Christianisierung aufgegeben wurde. Das passiert allerdings je nach Region zu unterschiedlichen Zeiten. Im Rhein-Main-Gebiet wurde diese Sitte nicht mehr nach dem Ende des 7. Jahrhunderts praktiziert. Das Hasslocher Grab kann also nur vor diesem Zeitpunkt angelegt worden sein. 

Aus Byzanz?

Außerdem beschäftigte mich die Frage, ob die Gussform wirklich aus dem Byzantinischen Reich stammt. Wenn ja, dann handelt es sich um ein Importstück, das aus dem östlichen Mittelmeerraum nach Rüsselsheim gelangt wäre. Um Antworten auf diese Frage zu finden, bietet sich eine Gesteinsbestimmung an. Der Geologe meines Vertrauens musterte die Gussform und zerstörte dann alle diesbezüglichen Träume. Er stellte fest, dass es sich um Schwarzschiefer (sog. Posidonienschiefer) handelt, der in Mitteleuropa, nicht aber im Mittelmeerraum vorkommt. Es dürfte sich also bei der Gussform um ein einheimisches Produkt handeln, das möglicherweise sogar in Rüsselsheim oder in der Umgebung hergestellt wurde. Die Herkunft aus dem Gebiet des Byzantinischen Reiches ist damit sehr unwahrscheinlich.

Warum wurde eine Gussform als Grabbeigabe verwendet?

Da wäre die einfachste Antwort, dass es sich möglicherweise bei dem Toten um eine Person handelt, die mit Metallverarbeitung zu tun hatte. Aber so einfach ist die Sache nicht. Es gibt in Russland und der Ukraine weitere Gräber mit Gussformen als Beigaben. Bei den Toten handelt es sich vielfach um Frauen. Daher muss es eine andere Erklärung geben. Möglicherweise hängt es mit den Schmuckanhängern zusammen, die man mit solch einer Gussform herstellen konnte. Diese könnten als Amulette gedient haben, die man bei sich trug, um Unheil abzuwehren. Schlussendlich kann man es nicht abschließend erklären, warum Gussformen einem Toten mit auf seine letzte Reise gegen wurden.

Dankeschön!

Es war eine große Freude dem Rätsel der Gussform auf den Grund zu gehen. Ich habe mit vielen Kollegen, vor allem aus dem Bereich der Früh- und Hochmittelalterarchäologie und der Byzanz-Forschung gesprochen, da ich mich als "gelernte" Provinzialrömerin mit diesem Thema ein wenig auf unbekanntem Terrain bewegt habe. Herzlichen Dank an alle, die mir bereitwillig Auskunft und Tipps gaben. 

Mehr Info

Die offizielle Publikation ist im "Archäologischen Korrespondenzblatt 46, 1, 2016" erschienen und kann hier runtergeladen werden:

Download
AK_1_16_SD_Zerres.pdf
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Nachtrag vom 21.04.2017: Der Blogpost wurde als Beitrag zur Blogparade #perlenfischen eingereicht. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Sabine Wieshuber (Mittwoch, 19 April 2017 15:57)

    Liebe Jutta Zerres,

    vielen lieben Dank für das Einfädeln dieser Depotperle in unsere aktuelle Blogparade #perlenfischen (10.4.-14.5.2017)!!! Für unsere erste Blogparade #perlenfischen suchen wir Museen und Blogger, die uns an ihren Schätzen teilhaben lassen und mit uns nach den schönsten Museumsperlen fischen möchten. Das können Exponate oder ganze Museen sein, Neu- oder Wiederentdeckungen, reale oder digitale, lokale oder internationale Perlen… Unser Blog steht übrigens auch Institutionen oder Personen, die über bayerische Museen schreiben wollen und keinen eigenen Blog haben, immer gern als Plattform zur Verfügung.

    Sehr schön wird in diesem Artikel zur "Gussform als Grabbeigabe" das Erforschen der eigenen Sammlung im Stadt- und Industriemuseums Rüsselsheim sichtbar. Über die Besonderheit des Materials dieser speziellen Gussform wird vieles deutlich und Schritt für Schritt verständlich herausgearbeitet!

    Herzliche Grüße aus München
    Sabine Wieshuber
    Infopoint Museen & Schlösser in Bayern
    Redaktionsteam Blog Museumsperlen