· 

Das Gesetz der umgekehrten Bedürftigkeit - Wer profitiert von Museumspädagogik?

Pommes sind kein Gemüse (Foto: Pexels via Pixabay.de - Lizenz 00 Public Domain)
Pommes sind kein Gemüse (Foto: Pexels via Pixabay.de - Lizenz 00 Public Domain)

Der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen berichtet in seinem Buch "Glück kommt selten allein..."  über seine Zeit als Kinderarzt an der Charité in Berlin und von seiner ersten Begegnung mit dem "Gesetz der umgekehrten Bedürftigkeit": "Welche Eltern bringen ihre Kinder pünktlich zu allen Untersuchungen? Die, die sich sowieso schon kümmern. Das sind nicht die Familien, die den Arzt am dringendsten brauchen." (von Hirschhausen 2009, 31). Aufgrund dieser Erfahrung beschloss er Prävention zu machen und medizinisches Wissen zu vermitteln, um einen Beitrag dazu zu leisten, dass  die Leute nicht erst dann zum Arzt kommen, wenn es nicht mehr anderes geht. Er moderierte jahrelang Sendungen zu Themen rund um Gesundheit und Medizin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens . Dabei habe er stets brav die Zuschauer zu einer gesunden Lebensweise ermuntert, sprich: Gemüse zu essen, sich regelmäßig  zu bewegen und das Rauchen sein zu lassen. Irgendwann habe er bemerkt, dass diese Botschaften eigentlich an die falsche Adresse gingen.  Gesundheitssendungen würden nämlich im wesentlichen von Personen angesehen, die sowieso gesundheitsbewusst lebten, informiert seien und damit solche  Ermahnungen nicht nötig hätten. Zitat: "Die Raucher, die sich nie von der Fernsehcouch wegbewegen und Pommes für Gemüse halten, schauen selten ARD-Gesundheitsmagazine. Die gucken RTL 2!" (von Hirschhausen 2009, 31).  

Seit der Lektüre von Hirschhausens Buch geht mir die Frage nicht mehr aus dem Kopf, ob seine Beobachtung der umgekehrten Bedürftigkeit nicht auch auf museumspädagogische Angebote zutrifft. In meiner mittlerweile umfangreichen Erfahrung bei Familientagen, Ausstellungsbegleitungen und der Durchführung von Programmen für Kinder und Jugendliche im RGZM-Haupthaus und im Museum für Antike Schiffahrt stelle ich immer wieder fest, dass mehrheitlich Kinder aus bildungs- und kulturaffinen Elternhäusern von diesen Angeboten Gebrauch machen. Hingegen vermisst man die Sprößlinge, die von ihren Eltern nicht an kulturelle Angebot herangeführt werden. Auch die Schulen scheinen hier kaum einen Ausgleich zu schaffen: Wenn Klassen Führungen und museumspädagogische Workshops bei uns buchen, dann kommen sie mit fast 100 prozentiger Sicherheit von Gymnasien oder Gesamtschulen. Schüler von Haupt-, Real- oder Realschulen Plus habe ich noch nie betreut. Falls meine Beobachtung  nicht zu einseitig und subjektiv ist, stellt sich mir schon die Frage nach den Gründen dafür, dass man den Kindern dieser Schulformen solche Bildungsmöglichkeit kaum anbietet? Eventuell hat ja der eine oder andere Museumspädagoge unter meiner Leserschaft die selbe Erfahrung oder eine andere. Über Feedback zu dem Thema unter diesen Blogpost würde ich mich jedenfalls sehr freuen.  

Literatur: 

von Hirschhausen 2009: Dr. med. Eckart von Hirschhausen, Glück kommt selten allein... Rowohlt-Verlag. Hamburg 2009 (10. Aufl.). ISBN: 978-3-499-62355-4

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Kristin Oswald (Donnerstag, 02 März 2017 18:15)

    Liebe Jutta,
    du hast Recht, die Frage, wen man ansprechen will, und die Frage, wer sich angesprochen fühlt, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Ich glaube auch nicht, dass Kindern mit anderen als den typischen Mittelschichts-Backgrounds solche Formate nicht angeboten werden. Das werden sie schon, aber mit den falschen Argumenten. Solchen nämlich, die Familien mit Mittelschichts-Backgrounds ansprechen. Aber für jemanden, der Museum nicht aus sich heraus als wertvoll empfindet, spielen diese Argumente keine Rolle. Welche das stattdessen tun, muss man herausfinden, vielleicht nach extrinsischen Motivatoren suchen - oder akzeptieren, dass eben nicht jeder Museum mag. Stelle ich mir alles spannend vor, weil man dann mal Archäologiepädagogik (wobei ich das Wort Pädagogik auch nicht mag) ganz ohne Museum denken müsste.
    Viele Grüße,
    Kristin

  • #2

    Carmen (Sonntag, 05 März 2017 17:09)

    Halli Jutta,
    ja das ist eine Erfahrung, die ich leider durchaus teile. Hier bei mir versuche ich diesen Kreislauf dadurch aufzubrechen, dass ich die erste museumspädagogischen Erfahrung IN den Kindergarten und die Grundschule bringe. Damit umgehe ich zumindest die weniger kulturafinen Eltern. Allerdings merke ich schon auch, dass auch von Erzieher-/Lehrerseite ehr die meine Programme anfragen, die hier auch selbst Interessen haben. Aber die Chancen auf Interesse zu stoßen, schätze ich am Ende doch noch etwas höher ein.
    Und vielleicht kann ich so zumindest einen kleinen Beitrag zum Aufbau einer neuen (größeren) kulturinteressierteren Elterngeneration leisten.
    Grüße Carmen