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Parforceritt durchs Paradies - Zur Ausstellung: "Iran. Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste" in der Bundeskunsthalle Bonn

Rollsiegel Iran
Umzeichnung eines Rollsiegels an einer Wand der Ausstelllung (Foto: Jutta Zerres)

Wer nicht gerade Vorderasiatische Archäologie studiert hat, dem  dürfte beim Stichwort "Antike Kulturen des Iran" nicht allzu viel einfallen. Man erinnert sich bestenfalls an die Perserkriege, von denen in grauen Vorzeit einmal im Geschichtsunterricht die Rede war.  Die Bonner Ausstellung schließt die Wissenslücke und nimmt den Besucher mit auf einen wahren Parforceritt durch rund 8000 Jahre Kulturgeschichte "zwischen Wasser und Wüste" . Die Reise beginnt im 8. Jahrtausend v. Chr. mit der Sesshaftwerdung des Menschen und endet mit dem Aufstieg der Achämeniden im 1. Jahrtausend v. Chr.  Den Rahmen bilden die naturräumlichen Gegebenheiten des Iran. Das von Gebirgen umschlossene Land zeichnet sich durch landschaftliche Extreme aus: Eisige Gebirge und heiße Wüsten. Dazwischen befinden sich immer wieder Zonen, die günstige Bedingungen für das Leben der Menschen und deren kulturelle Entfaltung boten, z. B. in Tälern, an Rändern der Wüste oder am Ufer des Kaspischen Meeres. Die Abgeschiedenheit sorgte für Schutz vor Eroberungen und begünstigte die Entstehung kultureller Eigenheiten. Die Ausstellung ist das Ergebnis einer der dreieinhalbjährigen Zusammenarbeit der Bundeskunsthalle und des Nationalmuseums des Iran und der Iranian Cultural Heritage, Handicrafts and Tourism Organization. 

Die Vielzahl der Völker und Kulturen, die im Laufe der Jahrtausende ihren Auftritt hatten, mag den Besucher erst mal verwirren. Daher ist es sinnvoll, dass die Präsentation einen ganz klassischen chronologischen  Aufbau verfolgt. Sie ist in vier Abschnitte eingeteilt, die durch unterschiedliche Farben in der Ausstellungslandschaft kenntlich gemacht werden. Ein Film am Beginn gibt einen ersten Überblick über die geografischen Voraussetzungen und die historischen Abläufe. Am Anfang einer jeden Einheit gibt ein kurzer Film eine  vertieftere Einführung in den Zeitabschnitt. Sehr positiv ist zu vermerken, dass die Ausstellungsmacher die Texte schön kurz und knackig gehalten haben. Das Problem der ermüdenden "Bleiwüsten" an Museumswänden stellt sich hier jedenfalls nicht.

Zikkurat
Die Zikkurat von Tschogha Zanbil aus mittel-elamischer Zeit (13. Jh. v. Chr.), Provinz Khuzestan, Südwestiran. (Foto: Barbara Helwing)

Die Exponate stammen ausschließlich aus iranischen Sammlungen, keine einziges Stück kommt aus europäischen Museen. Die meisten davon waren außerhalb des Irans noch nie sehen. Teilweise sind sie erst durch Entdeckungen der letzten Jahre zum Vorschein gekommen. Hier wären beispielsweise der Komplex von kunstvoll geschnitzten Specksteingefäßen aus Dschiroft (Provinz Kerman) aus dem 3. Jahrtausend v. Chr.  oder das Grab zweier Damen der elamischen Oberschicht aus Dschubadschi (6. Jahrhundert v. Chr.) zu nennen.  Es handelt sich um eine Schau mit hochkarätigen und höchst interessante Objekten, die ein bezeichnendes Licht auf das vielfältige, aber im Westen weitgehend unbekannte kulturelle Erbe des Iran werfen. Das Ganze geschieht natürlich nicht ohne politischen Hintergrund und ist Resultat einer Politik der Öffnung des Landes nach Westen.

 

Funde aus dem Grab der elamischen Prinzessinnen aus Dschubadschi (Foto: D. Ertl, 2017, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)
Funde aus dem Grab der elamischen Prinzessinnen aus Dschubadschi (Foto: D. Ertl, 2017, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Apropos Exponate: An dieser Stelle muss ich allerdings auch mal eine Kritik einfließen lassen. Die Ausstellung erscheint mir insgesamt zu sehr auf Objekte und deren Ästhetik fokussiert zu sein.  Informationen über Fundkontexte werden nur in "homöopathischen Dosen"  gegeben (z. B. Funde aus den Gräbernfeldern von XY). Was spricht dagegen solche Grabfunde in den Kontexten der jeweiligen Bestattung - sofern diese bekannt sind selbstverständlich -  zu präsentieren statt als Ansammlung von schönen Objekten, die brav in einer Vitrine aufgereiht wurden?  Das Prinzessinnengrab von Dschubadschi hätte sich hierbei angeboten. Ich hätte gerne mehr über darüber erfahren. In den Ausstellungstexten ist lediglich von Bronzesarkophagen die Rede. Schmuck, Proviant und Kultgeschirr wären den Damen beigegeben worden, ist zu lesen. Aha. Gab es denn eine architektonische Fassung, einen Grabbau oder sonst irgendwelche Kennzeichnungen? Wenn ja, was ist davon erhalten? Wie sind die Bestattungen und die Beigaben innerhalb platziert worden? Was sagt eigentlich die Anthropologie zu den Bestatteten? Alle diese Fragen bleiben offen. Statt dessen ist  die Präsentation des Grabes alleine auf die Objekte und ihre Ästhetik reduziert. 

 

Specksteingefäße aus Dschiroft (Foto: David Ertl 2017. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH.)
Specksteingefäße aus Dschiroft (Foto: David Ertl 2017. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH.)

 Beim Fundkomplex von Dschiroft - es handelt sich um kunstvoll verzierte Gefäße aus Speckstein - erfährt man nur in einem Satz aus dem Ausstellungstext, dass es sich um Raubgrabungsfunde handelt, die 2002 von der Polizei sichergestellt wurden. Der  Verlust von Informationen, der für den Archäologen ein enormes Problem darstellt, findet zwar Erwähnung (... da der Fundkontext dieser Stücke durch Raubgrabungen verloren ist, sind die aufschlussreichen Quellen für die archäologische Forschung zerstört."), wird jedoch  gleichzeitig durch die Objektfokussierung  der Gesamtkonzeption bagatellisiert . "Wo ist das Problem der Raubgrabungen?", mag sich so mancher sich fragen, wenn die Funde sichergestellt wurden, also vorhanden sind?  Ein wenig mehr Informationen zu diesem Thema wären aus meiner Sicht an dieser Stelle angebracht gewesen.

 

Garten Iran
Blick in den Persischen Garten im Vorhof der Bundeskunsthalle (Foto: Jutta Zerres)

Zugleich mit der Schau ist auf dem Vorplatz der Bundeskunsthalle ein Persischer Garten konzipiert worden. Dieser bildet einen eigenen Teil der Ausstellung unter dem Titel "Der Persische Garten. Die Erfindung des Paradieses". Im Iran gibt es eine lang zurückreichende und bis heute hochgeschätzte Gartenbautradition. Das Wort "Paradies" leitet sich vom avestitischen Terminus "pairideza" ab, der einen eingefriedeten Bereich bezeichnet.  Daraus entwickelte sich das Wort "pardes" in der mittelpersischen Sprache. Als "paradeisos" finden wir es in der griechischen. Im Vorraum zum Garten wird über die zahlreichen Welt- und Naturerbestätten des Iran, zu denen auch Gärten zählen informiert. Im nachgebauten idealtypischen Persischen Garten lässt sich nach dem Besuch in der Ausstellung gut verweilen und entspannen. 

Fazit: Trotz der Kritik handelt es sich um eine sehenswerte Schau, die man wegen der bisher kaum bekanten Objekte nicht versäumen sollte.

Mein Dank gilt der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn für die Einladung zur Medienkonferenz am 12.4.2017 und die Möglichkeit die Ausstellung als eine der ersten sehen und darüber berichte zu können.  Ebenfalls bedanke ich mich für die Erlaubnis Pressefotos nutzen zu dürfen.

Die Ausstellung läuft vom 13. April 2017 bis zum 20. August 2017. Der Persische Garten ist vom 13. April bis zum 15. Oktober 2017 geöffnet. Mehr Info: www.bundeskunsthalle.de

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