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Lucius Poblicius und die große Kirche gegenüber von McDonald's - Ein Beitrag zur Blogparade: "Mein Kulturblick!“ #KultBlick

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Roncalliplatz mit Dom und dem Römisch-Germanischen Museum (Foto: R. Arentz)

Da ruft ein archäologisches Museum zur Blogparade auf und bisher ist kein Beitrag aus der Feder eines Archäologen/einer Archäologin bzw. einer Institution dabei. Das ändere ich jetzt mal. Mein #kultblick ist - wie kann es anders sein - ein archäologischer.  Als ich den Aufruf zur Blogparade las, kamen mir spontan Kindheitserlebnisse in den Sinn, die meinen Blick auf Kultur, sprich: Archäologie entscheidend geprägt haben. Dabei spielen mein Vater, die Stadt Köln mit ihrer berühmten "großen Kirche gegenüber von Mc Donald's"  und das Römisch-Germanische Museum eine zentrale Rolle. In diesem Beitrag geht es um den gerade entdeckten Blick auf Kultur und um das, was das Erwachsen werden und Professionalisierung der Perspektive verändert hat. Es geht also um Entdecktes, Verlorenes, Wiedergefundenes oder Gewandeltes.

 

Köln Maus WDR
Die Stadt mit der Maus (Foto: R. Arentz)

Ungleiche Nachbarn

Aufgewachsen bin ich in einem Dorf im Umland von Köln.  Als Kind war diese Stadt für mich die große weite Welt - oder zumindest das Tor dorthin.  Alles war groß, spannend neu. Zum Ausklang der Weihnachtsferien am 6. Januar, dem Hochfest der Heiligen Drei Könige (Epiphanias, Erscheinung des Herrn)  machten mein Vater und ich  traditionell einen Ausflug nach Köln. Zuweilen war auch meine Schwester dabei. Am Anfang stand stets ein Besuch im Dom, um den Schrein der drei Weisen aus dem Morgenland zu besichtigen. Wir umkreisten mit vielen anderen Besuchern den Schrein, bestaunten die feine Goldschmiedearbeit, fühlten uns im Wald der mächtigen Pfeiler klein, bewunderten über das Farbenspiel der Fenster, das durch das einfallende Tageslicht erzeugt wurde. Abschließend entzündeten wir noch eine Kerze. Man kann ja nie wissen. Vielleicht nützt es was. 

Gleich nebenan stand die zweite Station unseres Ausflug: Das Römisch-Germanisches Museum. Rein optisch kann der graue Kasten dem gotischen Kirchengebirge kaum das Wasser reichen. Viel mehr ordnet er sich bescheiden dem älteren Nachbarn unter. Das Innenleben des Betonkastens war aus meiner kindlichen Perspektive aber nicht minder faszinierend als der ganze Dom. Bereits durch die Fensterfront ist das Grabmal des Lucius Poblicius  und seiner Familie bewundern. Diesem Römer ist es mit Hilfe seines pompösen Grabmals gelungen sich aus der Masse seiner Zeitgenossen, die ohne Spuren zu hinterlassen im Dunkel der Geschichte verschwunden sind, hervorzuheben. Poblicius stammte aus der Gegend zwischen Rom und  Neapel. Als Legionär diente er in der 5. Legion mit dem kuriosen Beinamen "Die Lerche" (Alauda) in Xanten und zog  nach dem Militärdienst in das "Oppidum Ubiorum", das 50 den Kolonietitel erhielt und wenig später zur Provinzhauptstadt ernannt wurde. Poblicius scheint in der aufstrebenden Metropole gutes Geld verdient zu haben, wie sein Grabmal unschwer erkennen lässt. Betritt man das Haus weiter, dann findet man die römische Vergangenheit der Stadt, aufgeschichtet auf drei Etagen: Grabsteine, Matronen, üppige Gläser, einem rekonstruierten Reisewagen, Mosaike, Sarkophage, eine gläserne Urnen mit Aschenresten eines Toten, die mich erschaudern ließ, Tongefäße ... Alles in allem viel zu laufen für kleine Kinderbeine und viel zu staunen.

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Grabmal des Lucius Poblicius im RGM (Foto: J. Zerres, 2014)

The times they are a-changing ...

Das Kind wurde erwachsen. Studium und Doktorhut der Universität Köln haben den staunenden, unbedarften, neugierigen Blick durch einen professionellen ersetzt. Unzählige Male bin im Laufe der Jahre an den ungleichen Nachbarn vorbei gelaufen oder habe sie aus unterschiedlichen Anlässen betreten: Den Dom, um ihn Besuchern zu zeigen oder, um - ganz unspektakulär - den Weg von Hauptbahnhof zur Einkaufsmeile abzukürzen. Das Museum, um mit fachlichem Blick nüchtern und zielgerichtet Objekte zu betrachten. Heute weiß ich, dass es nicht die Heiligen Drei Könige sind, die in der goldenen Kiste liegen und mir ist seit Jahren klar, dass beim Römisch-Germanischen Museum der Lack ab ist. Auch museale Ausstellungskonzepte sind Moden und  Konkurrenzkämpfen unterworfen und längst sind andere Häuser in Sachen Modernität der Präsentation an ihm vorbeigezogen.  Nicht umsonst steht nun die Sanierung bevor. Als Denkmalschützerin bin ich über die Tatsache verärgert, das antike Sarkophage, Grabsteine und Architekturfragmente teilweise immer noch vor dem Museumseingang präsentiert werden, wo sie von Passanten als Mülleimer benutzt oder gar beschädigt und beschmiert werden. Das direkte Umfeld der ungleichen Nachbarn zeichnet sich nämlich durch eine eigentümliche Kombination von gotischer Pracht und moderner großstädtischer Schmuddelecke aus. Aber trotz aller Wandlungen und Ernüchterungen lässt sich eines nicht bestreiten: Es sind diese beiden Nachbarn, die meinen ersten Blick auf Kultur geprägt haben. Hier wurde ich fasziniert und interessiert. Salopp gesagt: Angefixt. Von diesem Standpunkt aus begann die bisher andauernde Entdeckungsreise in die Kultur und speziell  die Archäologie, die mich vermutlich für den Rest meines Lebens auch nicht mehr verlassen wird. 

Da war noch was

Ich muss für Nicht-Kölner noch erklären, woher die eigentümliche Bezeichnung "Große Kirche gegenüber von McDonald's" für das wichtigste Wahrzeichen stammt. Der Kabarettist Jürgen Becker wurde vor Jahren auf der Domplatte Zeuge eines Telefonates von einigen Jugendlichen, die sich mit Freunden verabreden wollten. Als Standort gaben sie "die große Kirche gegenüber von McDonald's" an. Seither ist das zum geflügelten Wort in der Domstadt geworden...

Credits

Für die beiden Domfotos bedanke ich mich bei Regina Arentz, die ihren eigenen #Kultblick, nämlich auf die Kölner Streetart auf ihrer Website zeigt: Streetart.cologne

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Kommentare: 2
  • #1

    Tanja Praske (Freitag, 06 Oktober 2017 22:10)

    Liebe Jutta,

    das Nahe und die Kindheit prägen den weiteren Lebensweg. Ich mag es sehr, wenn du vom "Angefixt sein" und krassen Gegensätzen sprichst.

    Dir ein herzliches Dankeschön für diesen tollen Beitrag zu #KultBlick!

    LG,
    Tanja

  • #2

    Archäologisches Museum Hamburg (Donnerstag, 12 Oktober 2017 14:46)

    Liebe Jutta,
    vielen Dank für den Beitrag aus „archäologischer“ Perspektive.
    Wie die Anekdote zum Schluss deutlich macht: jedeR nimmt Städte und damit auch Kulturinstitutionen anders war. JedeR setzt sich seine Landmarks, wie er oder sie eben die Stadt erlebt. Aber wie Du schön beschreibst, kann sich auch die eigene Perspektive verändern und so hoffen wir doch, dass wir als Kulturinstitutionen, -schaffende, -vermittlerInnen und –forscherInnen gemeinsam Ideen entwickeln können, um historisches Gut – vom Sarkophag im Eingang bis zum Dom – wieder ins Bewusstsein zurückzuholen. Vielleicht sogar die kindliche Begeisterung wiederzubeleben, bei allen Altersgruppen, bei Fachpublikum wie bei „Laien“.
    Viele Grüße aus Hamburg