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Angetäuscht. Zur Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" in Berlin

Lizenz: CC0 via Pixabay.de
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Am 21.9.2018 wurde die Ausstellung "Bewegte Zeiten - Archäologie in Deutschland" im Martin-Gropius-Bau zu Berlin eröffnet. Gezeigt werden die Neufunde aus den vergangenen 20 Jahren Ausgrabungen von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert. Organisiert wurde die Schau vom Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte in Zusammenarbeit mit dem Verband der Landesarchäologen. Jedoch beschränken sich die Ausstellungsmacher nicht auf eine reine Präsentation von Highlights, wie es in den vorherigen Schauen unter dem Titel "Archäologie in Deutschland" der Fall war. Der Anspruch ist viel höher, denn das Ganze steht diesmal unter einem Oberthema und ist in vier Segmente unterteilt. "Bewegte Zeiten" möchte anhand der vier Themen Mobilität, Konflikt, Austausch und Innovation (...) mit über 1000 Exponaten die Folgen überregionaler Interaktion auf persönlicher, wirtschaftlicher und kultureller Ebene erfahrbar ..." machen, so die Beschreibung auf der Website der Stiftung "Preußischer Kulturbesitz". Daher ist die Ausstellung auch nicht chronologisch geordnet, sondern thematisch. 

Herausragende Objekte, vielversprechendes Konzept

Vor dem Martin-Gropius-Bau
Vor dem Martin-Gropius-Bau

"Bewegte Zeiten" präsentiert ohne Frage eine Reihe von Glanzstücken, die mehr als einen Blick verdienen und, die man so schnell nicht wieder an einem Ort versammelt sehen wird. Beispielsweise die Himmelsscheibe von Nebra (zeitweise nur in Kopie), die Goldhüte, die römische Hafenanlage von Köln, um nur einige zu nennen. Sie alleine sind einen Besuch wert. Vielversprechend ist auch, dass die Ausstellungsmacher es diesmal nicht bei einer bloßen chronologischen Aneinandereihung von Fundobjekten beließen, sondern die Schau unter ein Thema gestellt haben, das gleichzeitig einen Bezug zur Gegenwart herstellt. Es ist höchste Zeit, dass das Fach sich mehr und mehr aus dem Elfenbeinturm wagt und zu Fragen der Gegenwart Stellung nimmt. Soweit alles prima.

Zielgruppe?

Allerdings fragte ich mich beim Gang durch den Gropiusbau unentwegt für wen diese Ausstellung eigentlich konzipiert worden ist. Im Allgemeinen nimmt man ja die interessierten Laien als Zielgruppe an; also Personen mit einem Interesse für Archäologie und Geschichte, aber ohne fachliche Ausbildung auf dem Gebiet. Begibt man sich in deren Perspektive, dann fühlt man sich ziemlich allein gelassen. Die Liste der Mängel fängt an mit eher oberflächlichen handwerklichen Fehlern, wie einer schlechten Beleuchtung, zu kleiner und zu geringer Beschriftung und einer stellenweise verwirrenden Besucherführung. Ein weiteres Problem ist tiefgreifender: Aufgrund der themenorientierten Konzeption werden Objekte aus unterschiedlichen Zeitstufen nebeneinander präsentiert und das völlig unvermittelt. Für den Laien ist hierbei schwer zu unterscheiden, was beispielsweise ins Mittelalter gehört oder in die Bronzezeit. Die Beschriftung hilft nur teilweise weiter. Insgesamt wird beim Besucher die detaillierte Kenntnis der Epochen und Kulturkreise mit samt deren Zeitrahmen, Charakteristika und räumlicher Verortung voraussetzt. Selbstverständlich kann man von einem traditionellen Konzept der chronologischen Ordnung innerhalb einer archäologischen Ausstellung abweichen; diachrone Betrachungsweisen liefern spannende Perspektiven. Jedoch hätte die Ausstellungsmacher gut daran getan, dem Besucher eine gestalterische Leitplanke zu geben, beispielsweise mit unterschiedlichen farblichen Kontrasten der Präsentationsflächen, die sofort erkennbar machen, aus welcher Epoche die Funde jeweils stammen, eine Erläuterung dazu vorausgesetzt. Dann kann man sie auch nebeneinander präsentieren.

Weniger wäre mehr

Werbung auf dem Weg zum Martin-Gropius-Bau.
Werbung auf dem Weg zum Martin-Gropius-Bau.

Die schiere Masse der Objekte schafft weitere Schwierigkeiten. Zwar ist es eine feine Sache, dass die Bodendenkmalpflege trotz knapper Kassen immer noch ihre Arbeit auf hohem Niveau ausführt und dementsprechend viel zu bieten hat. So ist nachvollziehbar, dass man möglichst viel davon unterbringen möchte. Der begrenzte Platz, der für einzelne Funde bzw. -komplexe bleibt, bedingt aber, dass die Geschichten hinter den Objekten nur angerissen, aber nicht auserzählt werden. Eine kluge Auswahl von Ausstellungsstücken, die aber mit einer guten didaktischen Aufbereitung präsentiert werden, wäre einer gelungenen Darstellung der Thematik deutlich zuträglicher gewesen. 

"Du kommst hier net rein!"

Werbebanner im Foyer des Martin-Gropius-Baus
Werbebanner im Foyer des Martin-Gropius-Baus

Die Ausstellung ist der Beitrag zum Jahr des europäischen Kulturerbes 2018 unter dem Motto: "Sharing Heritage". Das Kulturerbe teilen? Leider wird das Teilen hier nur angetäuscht. Bei dieser Schau bekommt der Besucher den Eindruck, dass Archäologen eigentlich Geizkragen sein müssen, die gar nicht teilen und ihre Schätze und ihr Wissen lieber für sich behalten möchten. Geschlossenen Gesellschaft gewissermaßen. Es ist zweifelhaft, ob viel vom Oberthema der Bewegung als "...Grundlage und Veränderung menschlichen Handelns." in den Köpfen hängen bleibt. Man hat eine Menge Dinge gesehen, die irgendwie mit dem Oberthema zusammen hängen. Aber wie? Das bleibt in vielen Teilen nebulös. Es ist schade um das erzählerische Potential, dass hier verschenkt wurde. Die einzige einigermaßen positive Konnotation, die der Besucher mit nach Hause nimmt, ist möglicherweise, dass die Archäologen doch verdammt fleißige Zeitgenossen sind, die mit Feuereifer pausenlos einen Fund nach dem anderen zutage fördern. Aber reicht uns das? Wollen wir so gesehen werden? Haben wir nicht mehr zu sagen über die Vergangenheit, ihren Bezug zur Gegenwart, über uns selbst und über die Relevanz unserer Wissenschaft für das Heute?  

Was überhaupt nicht vorkommt

Archäologie in Deutschland beinhaltet noch andere Aspekte als nur das "Finden" von mehr oder weniger spektakulären Objekten. Beispielsweise gehört der Arbeitsalltag von Denkmalpflegern und Museumsleuten und von Grabungsfirmen dazu, ebenso wie der Beitrag von Ehrenamtlichen sowie die Probleme durch Mittel- und Stellenkürzungen und Raubgrabungen. Was treibt Archäologen eigentlich an diesen Beruf zu ergreifen trotz der Probleme, die es in andren Berufen nicht gibt? Was motiviert Ehrenamtliche? Das alles wird nicht thematisiert, gehört aber m. E. auch dazu. Der Schirmherr Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hat diese Themen in seiner bemerkenswerten Rede zur Eröffnung angeschnitten: "Ich glaube, dass diese Ausstellung auf großes Interesse beim Publikum stoßen wird. Schon weil Archäologie spannend ist, vielleicht aber auch, weil Archäologie ja nicht überall und nur von Profis betrieben wird, und vielleicht auch deshalb viele kommen werden. Viele sind in unserem Land ehrenamtlich im archäologischen Umfeld tätig." Und weiter: "Was Archäologie, was Archiv- und Museumsarbeit bedeuten, welche unersetzbar wertvolle Arbeit all diejenigen leisten, die unser Erbe bergen, schützen, bewahren, restaurieren, auswerten, ausstellen, zum Sprechen bringen, was diese ganze Arbeit wert ist, das merken wir im Alltag oft nicht, ..." Aus meiner Sicht könnte das ein Anstoß für eine zukünftige Leistungsschau sein.

Info

Noch bis 6.1.2019.

www.bewegte-zeiten-berlin.de

Die gesamte Rede von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier zur Eröffnung am 20.9.2018 findet man hier.

Nachtrag vom 3.1.2019

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